35. Urbacher Mostseminar

35. Urbacher Mostseminar litt nicht unter Apfelmissernte des Vorjahres

Vollstes Vertrauen in die Mostspender hatten die Seminarteilnehmer des 35 .Urbacher Mostseminars im wieder einmal voll besetzten Urbacher Schlosskeller, konnte man doch in diesem Jahr befürchten, dass nur sehr wenige Mostproduzenten bereit sein würden, die erforderlichen 20 Liter des edlen Getränks unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Die meisten Moster brachten aufgrund des beinahe Totalausfalls bei der Apfelernte in Urbach insgesamt kaum diese Menge zusammen. Doch bereits bei der Vorverkostung der Moste am Samstag zuvor zeigte sich die Jury überrascht, dass insgesamt 18 verschiedene Moste eingreicht wurden, die beim diesjährigen Most an den Start gehen sollten. Davon waren immerhin sechs aus dem Jahrgang 2017, neun aus dem Jahrgang 2016 und drei waren von professionellen Apfelsaftkeltereien.

Eine Jury aus „sachkundigen“ Mosttrinkern unter der Leitung der beiden Sachverständigen Hermann Beck und Jonas Burkhardt hatte aus den 18 Proben die 6 Moste plus den Vespermost ausgewählt, die beim Seminar am vergangenen Samstag präsentiert wurden. Dabei erfolgte die Auswahl nicht so, dass schon da die vermeintlich besten Moste ausgesucht wurden, sondern es wurde versucht, eine möglichst hohe Bandbreite an „Geschmackserlebnissen“ auszuwählen, um den Seminarteilnehmern aufzuzeigen, wie unterschiedlich Most schmecken kann. So wurden neben den „klassischen Cuvees aus reinem Apfelmost und bestimmtem Birnenanteil u.a. auch ein „Spätlese“-Most aus Bittenfelder und Brettachern ausgewählt, der aus Obst gewonnen wurde, welches erst zwischen Weihnachten und Neujahr gelesen wurde. Auch ein reiner Birnenmost aus Bratbirnen war dabei und ein relativ lieblicher Most, dessen Vergärung wohl gestoppt wurde, um ihn weniger trocken auszubauen, als es für schwäbische Moste in der Regel üblich ist.

Für eine spannende Mostverkostung auf handwerklich hohem Niveau war also gesorgt.

Leider musste Achim Grockenberger von der Gemeindeverwaltung, der für den terminlich verhinderten Bürgermeister Jörg Hetzinger die Begrüßung der Gäste aus Nah und Fern übernommen hatte, gleich zu Beginn des Abends eingestehen, dass der „Stargast“ des Abends, Geza Weik (früher beim Damen-Kabarett-Duo „i-Dipfele“) leider wegen Krankheit kurzfristig passen musste.

Dies tat jedoch der Stimmung keinen Abbruch, denn alle sonstigen Akteure des Abends liefen zu großer Form auf, sowohl „Mostprofessor“ und Getränke-Ing. Hermann Beck, der sein Publikum mit viel Fachwissen uns so manchem (schwäbischen) Bonmot nicht nur beibrachte, wie das Mostmachen gelingt, sondern auch für viel Erheiterung sorgte.

Wie immer „eine Bank“ war auch wieder die Urbacher Mostband, ein Ensemble aus Bläsern des Evangelischen Posaunenchors, das mit schwäbischen Volksweisen sogar den einen oder anderen Gast zu späterer Stunde zum Singen animierte.

Ebenfalls ein Volltreffer waren die Auftritte vom „Bühlers Rudi“ aus Winterbach. Der war eigentlich als Gast beim Mostseminar und hatte sich spontan bereit erklärt, mit seinen größtenteils selbst verfassten schwäbischen Geschichten und Gedichten im Unterhaltungsteil für die ausgefallene Geza Weik in die Bresche zu springen. So erfuhren die Gäste u.a., warum man in Winterbach den „Kumpfa Frieder“ einen Entaklemmr“ nannte.

#Und damit die in Volumenprozent Alkohol im Most enthaltenen Öchsle nicht gleich in den Kopf stiegen, bedurfte es natürlich auch einer habhaften Grundlage für den Magen in Form eines deftigen schwäbischen Vespers, wie immer liebevoll zubereitet und serviert von den Urbacher Landfrauen.

Hermann Beck wusste einmal mehr zu jedem der verkosteten Moste etwas zu sagen und charakterisierte die verschiedenen Apfelweine für jedermann verständlich.

Diese waren, wie bereits erwähnt, teilweise mit Birnen verschnitten und deswegen – und dies ist sogar im deutschen Lebensmittelrecht so verbrieft – nur in Baden-Württemberg als „Schwäbischer Most“ bezeichnet werden dürfen. Anderswo dürfen in einem als „Most“ bzw. Apfelwein bezeichneten Getränk nur Äpfel verarbeitet sein. Schon der griechische Philosoph Plutarch, stellte dem Vernehmen nach bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. fest dass Wein (uns somit auch der Apfelwein!) „unter den Getränken das Nützlichste, unter den Arzeneien die Schmackhafteste, und unter den Nahrungsmitteln das Angenehmste“ sei. Darauf wies Hermann Beck ebenfalls hin.

Außerdem wusste der diplomierte Getränkefachmann, dass Apfelsaft in verschiedenen Verarbeitungsformen weltweit auf dem Vormarsch sei. Insbesondere der für schwäbische Verhältnisse süß ausgebaute französiche Cidre oder britische Cider mit verhältnismäßig geringem Alkoholgehalt sei schwer im Kommen. Er selbst habe sogar im vergangenen Jahr Gelegenheit bekommen, dem britischen Hoflieferanten dieses Getränks bei der Herstellung über die Schulter zu schauen. Was er da zu sehen bzw. zu probieren bekommen hatte, verstärkte allerdings seinen Eindruck von der kulinarischen Qualität der englischen Küche: „A Briah aus Tafeläpfel von Polen – do ka‘ nex Reachts rauskomma!“ so Hermann Beck, der  in diesem Zusammenhang einmal mehr ein Hochlied auf die Qualität des schwäbischen Streuobstes anstimmte. Nirgenwo erreiche man eine höhere Vielfalt an Inhaltsstoffen als beim Obst, das auf den hiesigen Streuobstwiesen reife, so Beck. Deswegen sei dieses Obst auch immer gefragter auf dem europäischen Markt, und es steht zu hoffen, dass nicht nur die Bioobst-Kampagnen, die in den letzten Jahren überall gestartet wurden, sondern auch diese hohe Qualität des Obstes für einen besseren Preis für die Erzeuger führen werde.

Doch nicht nur im Schwäbischen genießt der Most einen hohen Stellenwert. Manche glaubten es kaum, aber es stimmt, was Hermann Beck von den Hessen zu berichten wusste. Eine Kellerei-Familie aus Rödelheim hat sich in den Druckkammern von drei im 2. Weltkrieg nicht zu Ende gebauten U-Booten ein Lagervolumen für 1,3 Mio Litern Äppelwoi gesichert! Eine gewaltige Menge, vor allem wenn man bedenkt, dass dies nicht die einzigen Hersteller sind, die im Frankfurter Raum das dortige Nationalgetränk herstellen.

 

Zum Besten Most beim 35. Urbacher Mostseminar wählten die Gäste einen klassischen schwäbischen Most mit einem 30%igen Anteil von Birnen, hergestellt vom vergleichsweise jungen Simon Knödler aus Alfdorf. Auf Platz zwei folgte der Seriensieger der vergangenen Jahre, Eberhard Ziegler aus Berglen-Streich bzw. vom Hegnauhof. Der dritte Platz ging an Martina und Stefan Schoch aus Wäschenbeuren, die mit ihrem „lieblichen“ Most vor allem den Geschmack der weiblichen Gäste trafen. Auf dem vierten Platz landete der Vespermost von Jürgen Schlotz, der mit „Spätlese“-Äpfeln aus der kleinen Urbacher Obsternte vom Jahr 2017 kreiert wurde. Den fünften Platz erzielte Jung-Fachmann Jonas Burkhardt mit seinem handwerklich qualitätvoll hergestellten Most. Ein Exot, nämlich ein zweijähriger reiner Bratbirnenmost schied die Geister. Die einen hielten ihn für den Besten, die anderen leerten in weg. Letzlich reichte es für ihn nur zum 6. Platz. Auf dem 7. Platz schließlich landete ein zweijähriger Most von Birgit und Moritz Heinrich aus Urbach, dem Hermann Beck beschied, dass man diesen noch etwas besser machen könne.

 

Wie dem auch sei! Tatsache ist, dass dieser Abend einmal mehr ein Gewinn war für alle, die dabei waren, und eine gute Werbung für den Streuobstbau in unserer Gemeinde.

Dafür sei an dieser Stelle nochmals allen Mitwirkenden gedankt!